Altersvorsorge ohne Blindflug: Wie viel Geld brauche ich im Alter wirklich?

Wie viel Geld brauchst du später – und wie viel solltest du heute dafür zurücklegen?

WISSEN · ALTERSVORSORGE · OKTOBER 2026

„Willst du die exakte Antwort oder die ehrliche Antwort?“ Diese Frage stelle ich meinen Kunden ziemlich häufig, wenn wir über Altersvorsorge sprechen. Denn die exakte Antwort lässt sich zumindest modellhaft berechnen. Wir können uns anschauen, wie viel Geld du im Ruhestand zur Verfügung haben möchtest, was voraussichtlich aus der gesetzlichen Rente kommt, welche Vorsorge bereits vorhanden ist und wie viel Zeit dir noch bis zum Rentenbeginn bleibt. Dazu kommen Annahmen zu Inflation, Rendite, Kosten und Steuern.

Am Ende steht eine Sparrate. Und die fällt gerade bei jüngeren Kunden teilweise deutlich höher aus, als sie vorher erwartet haben. Wenn jemand Mitte 20 ist und im Alter einen vernünftigen Lebensstandard halten möchte, komme ich in solchen Berechnungen nicht selten auf 500 oder 600 Euro im Monat. Das ist mathematisch vielleicht die passende Antwort – im echten Leben muss man sich 500 oder 600 Euro zusätzliche Sparrate aber erstmal leisten können.

Genau deshalb gibt es für mich noch die ehrliche Antwort: Wenn du deine errechnete Rentenlücke heute nicht vollständig schließen kannst, solltest du trotzdem anfangen. 150 Euro lösen eine Lücke von 500 Euro nicht plötzlich in Luft auf. Aber gar nichts zu tun, weil die perfekte Lösung gerade nicht möglich ist, macht das Problem nur größer.

Wie viel brauchst du im Alter wirklich?

Bevor wir über ETFs, Rentenversicherungen oder konkrete Sparraten sprechen, muss zunächst eine andere Frage beantwortet werden: Wie möchtest du im Alter eigentlich leben? Nehmen wir jemanden, der heute 27 Jahre alt ist, 3.000 Euro netto verdient und mit 67 in Rente gehen möchte. Soll der heutige Lebensstandard ungefähr erhalten bleiben, wirken 3.000 Euro zunächst wie eine naheliegende Zielgröße.

Über einen Zeitraum von 40 Jahren gibt es allerdings einen Faktor, der diese Rechnung erheblich verändert: die Inflation. Rechnen wir beispielhaft mit durchschnittlich 2,5 Prozent pro Jahr, bräuchtest du in 40 Jahren nominal rund 8.050 Euro im Monat, um ungefähr dieselbe Kaufkraft zu haben wie heute mit 3.000 Euro. Andersherum betrachtet hätten 3.000 Euro in 40 Jahren bei derselben angenommenen Inflation nur noch eine heutige Kaufkraft von rund 1.120 Euro.

3.000 €

heute

8.050 €

gleiche Kaufkraft in 40 Jahren

1.120 €

heutige Kaufkraft von 3.000 € in 40 Jahren

Natürlich bedeutet das nicht automatisch, dass du später tatsächlich 8.050 Euro im Monat benötigen wirst. Vielleicht ist eine Immobilie abbezahlt, die Kinder sind aus dem Haus oder bestimmte Ausgaben fallen weg. Gleichzeitig können andere Kosten hinzukommen. Das Beispiel zeigt aber ziemlich deutlich, warum eine Altersvorsorgeberechnung über mehrere Jahrzehnte nicht funktionieren kann, wenn man heutige und zukünftige Eurobeträge einfach miteinander vergleicht.

Die Renteninformation ist wichtig – aber lies sie richtig

Ein guter Ausgangspunkt für die Berechnung ist die gesetzliche Renteninformation. Sie zeigt dir unter anderem, welche Ansprüche du bisher erworben hast und wie hoch deine spätere Altersrente unter bestimmten Annahmen ausfallen könnte. Dabei würde ich allerdings nicht nur auf die größte Zahl auf dem Schreiben schauen.

Die ausgewiesenen Rentenbeträge sind Bruttowerte. Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung sowie gegebenenfalls Steuern können später noch davon abgehen. Außerdem muss bei den prognostizierten Beträgen der Kaufkraftverlust berücksichtigt werden. Genau darauf weist die Deutsche Rentenversicherung in ihrer Renteninformation auch selbst hin.

Schau nicht nur auf die große Zahl

Die ausgewiesenen Rentenbeträge sind Bruttowerte. Zusätzlich solltest du berücksichtigen, was davon später tatsächlich übrig bleibt und welche Kaufkraft der Betrag dann noch hat.

Wenn dort für irgendwann in 30 oder 40 Jahren beispielsweise 3.000 Euro stehen, bedeutet das also nicht, dass du damit denselben Lebensstandard finanzieren kannst wie mit 3.000 Euro heute. Die Renteninformation ist für mich deshalb eine wichtige Grundlage für die Planung, aber eben nicht die fertige Antwort auf die Frage, wie gut du im Alter finanziell aufgestellt sein wirst.

Dazu kommt die Funktionsweise der gesetzlichen Rentenversicherung. Deutschland arbeitet im Umlageverfahren. Vereinfacht gesagt finanzieren die heutigen Einnahmen aus Beiträgen und Bundesmitteln die heutigen Rentenzahlungen. Wer heute einzahlt, erwirbt wiederum Ansprüche auf seine eigene spätere gesetzliche Rente. Wie die demografischen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen dieses Systems in 30 oder 40 Jahren aussehen, kann heute niemand seriös vorhersagen. Ich würde die gesetzliche Rente deshalb immer berücksichtigen, meine Altersvorsorge aber gerade in jungen Jahren nicht ausschließlich darauf aufbauen.

Aus deinen Ansprüchen wird deine Rentenlücke

Neben der gesetzlichen Rente gehört zunächst alles auf den Tisch, was bereits vorhanden ist. Das können eine betriebliche Altersvorsorge, Riester- oder Rürup-Verträge, private Rentenversicherungen, Depots, Immobilien oder anderes Vermögen sein. Erst wenn wir wissen, was später ungefähr gebraucht wird und was voraussichtlich bereits zur Verfügung steht, lässt sich die eigentliche Versorgungslücke bestimmen.

Dabei reicht es nicht, einfach sämtliche Zahlen zusammenzurechnen, die irgendwo auf einem Vertrag oder in einem Depot stehen. Bei bestehenden Vorsorgeverträgen spielen beispielsweise Kosten, Besteuerung, garantierte und nicht garantierte Leistungen und die Form der späteren Auszahlung eine Rolle. Ein Vertrag ist nicht automatisch gut, nur weil er seit 15 Jahren läuft. Genauso wenig sollte er vorschnell gekündigt werden, nur weil es heute andere Möglichkeiten gibt.

Für solche langfristigen Berechnungen arbeite ich häufig mit einem Rentenbeginn mit 67 Jahren und 2,5 Prozent Inflation. Bei einer langfristigen kapitalmarktbasierten Anlage kann beispielsweise mit 6 Prozent Rendite nach pauschal berücksichtigten Kosten modelliert werden. Daraus lässt sich berechnen, welches Kapital zum Rentenbeginn ungefähr vorhanden sein müsste und welche Sparrate dafür heute notwendig wäre.

Wichtig ist das Wort „modelliert“. Niemand weiß, welche Renditen in den nächsten 40 Jahren tatsächlich erzielt werden, wie hoch Steuern und Sozialabgaben im Jahr 2066 sein werden oder welche gesetzlichen Regelungen dann gelten. Eine Altersvorsorgeberechnung ist deshalb keine Vorhersage der Zukunft. Sie schafft eine vernünftige Grundlage, um mit den Informationen von heute Entscheidungen zu treffen.

Was passiert, wenn du dir die Sparrate nicht leisten kannst?

An diesem Punkt wird Altersvorsorge in der Theorie häufig einfacher dargestellt, als sie in der Praxis ist. Wenn die Rechnung ergibt, dass eigentlich 500 oder 600 Euro im Monat zurückgelegt werden müssten, dieses Geld aber schlicht nicht vorhanden ist, bringt eine perfekte Berechnung allein noch keine Lösung. Zur Wahrheit gehört deshalb auch: Viele Menschen werden ihre errechnete Rentenlücke nicht vollständig schließen können oder wollen dafür ihren heutigen Lebensstandard nicht entsprechend stark einschränken.

Dann geht es darum, herauszufinden, was tatsächlich machbar ist. Ich schaue mit meinen Kunden deshalb nicht nur auf die Altersvorsorge selbst, sondern auch auf die restlichen Finanzen. Versicherungen, Strom, Gas, Internet, Abos und andere laufende Kosten sind häufig irgendwann abgeschlossen worden und laufen anschließend jahrelang weiter. Wenn dort sinnvoll Geld eingespart werden kann, entsteht zusätzlicher Spielraum, ohne dass dafür jeden Monat bewusst auf etwas verzichtet werden muss.

Auch ein einfaches Kontensystem kann helfen. Wenn laufende Kosten, Rücklagen, Freizeit und langfristiger Vermögensaufbau feste Budgets bekommen, wird wesentlich schneller sichtbar, was tatsächlich zur Verfügung steht. Es geht dabei nicht darum, wegen der Rente die nächsten 40 Jahre jeden Kaffee zweimal zu überdenken. Interessanter ist Geld, das ohnehin unnötig verloren geht.

Die zweite Stellschraube ist das Einkommen. Gerade wer noch 30 oder 40 Berufsjahre vor sich hat, kann mit Weiterbildungen, zusätzlichen Qualifikationen oder beruflichen Veränderungen langfristig einen erheblichen Unterschied machen. Eine Gehaltserhöhung muss schließlich nicht vollständig in einen höheren Lebensstandard fließen. Wenn das Nettoeinkommen beispielsweise steigt und ein Teil davon dauerhaft zusätzlich investiert wird, verbessert sich die Altersvorsorge, ohne dass dafür das bisherige Leben eingeschränkt werden muss.

Altersvorsorge bedeutet für mich deshalb nicht nur, möglichst viel vom heutigen Einkommen wegzusparen. Genauso wichtig ist die Frage, wie sich der eigene finanzielle Spielraum in den kommenden Jahren vergrößern lässt.

Warum zehn Jahre einen gewaltigen Unterschied machen

Gerade mit Mitte 20 fühlt sich die Rente ziemlich weit weg an. Finanziell ist genau das ein großer Vorteil. Wer früh anfängt, gibt seinem Geld Jahrzehnte Zeit, Erträge zu erwirtschaften. Werden diese Erträge wiederum angelegt, können auch sie weitere Erträge erwirtschaften. Der Zinseszins braucht vor allem eines: Zeit.

Wer erst zehn oder zwanzig Jahre später beginnt, kann natürlich ebenfalls Vermögen aufbauen. Für dasselbe Ziel muss dann allerdings wesentlich mehr eigenes Geld eingesetzt werden, weil die Anlage weniger Zeit hat zu arbeiten.

ca. 262 € / Monat
Start mit 27

ca. 513 € / Monat
Start mit 37

ca. 1.103 € / Monat
Start mit 47

Monatliche Sparrate für ein beispielhaftes Zielkapital von 500.000 € mit 67 Jahren. Modellrechnung mit 6 % effektiver Rendite pro Jahr bei monatlicher Einzahlung. Steuern und mögliche weitere Kosten sind nicht berücksichtigt. Keine Renditegarantie.

Deshalb halte ich wenig davon, den Start immer weiter aufzuschieben, nur weil heute noch nicht die perfekte Sparrate möglich ist. Lieber mit einem Betrag anfangen, der tatsächlich ins Leben passt, und diesen später erhöhen. Mit 37 oder 47 ist möglicherweise mehr Einkommen vorhanden als mit 27. Was sich dann aber nicht mehr nachholen lässt, sind die vergangenen zehn oder zwanzig Jahre.

Warum nicht nur die Rendite zählt

Beim langfristigen Vermögensaufbau wird gerne darüber diskutiert, welche Anlage die höchste Rendite bringt. Mindestens genauso wichtig ist allerdings, wie viel davon am Ende tatsächlich beim Anleger ankommt. Ein Prozentpunkt Unterschied bei den laufenden Kosten klingt zunächst überschaubar. Über 30 oder 40 Jahre kann daraus durch den Zinseszinseffekt ein erheblicher Unterschied beim aufgebauten Vermögen entstehen.

Deshalb reicht mir bei einer bestehenden Altersvorsorge die Aussage „Ich mache doch schon etwas“ nicht wirklich. Interessanter ist, was genau gemacht wird und wie effizient das Geld dort arbeitet. Kosten, Anlagekonzept, steuerliche Behandlung und Flexibilität gehören genauso auf den Prüfstand wie die monatliche Sparrate.

Das bedeutet weder, dass jeder bestehende Vertrag schlecht ist, noch dass für jeden dieselbe Anlageform die richtige Lösung wäre. Eine vernünftige Altersvorsorge muss zur persönlichen Situation passen und sollte flexibel genug sein, um auch dann noch zu funktionieren, wenn sich Einkommen, Familie oder Ziele verändern.

Die perfekte Altersvorsorge gibt es nicht

Du musst mit 27 nicht wissen, wie dein Leben mit 67 genau aussehen wird. Das weiß ohnehin niemand. Du solltest aber ungefähr wissen, welchen Lebensstandard du später anstrebst, welche Ansprüche bereits vorhanden sind und wie groß die Lücke dazwischen voraussichtlich sein könnte.

Wenn die daraus errechnete Sparrate heute nicht möglich ist, ist das kein Grund, das Thema auf die nächsten zehn Jahre zu verschieben. Dann wird mit dem Betrag angefangen, der realistisch zur Verfügung steht. Laufende Kosten können überprüft, die eigenen Finanzen strukturiert und die Sparrate später mit steigendem Einkommen angepasst werden.

Und genauso wenig würde ich eine Altersvorsorge einmal mit 27 ausrechnen und anschließend bis 67 unangetastet lassen. Einkommen verändert sich, Familien entstehen, Immobilien werden gekauft, Verträge kommen hinzu und persönliche Ziele verschieben sich. Eine sinnvolle Planung muss deshalb regelmäßig überprüft werden.

Damit landen wir wieder bei meiner Frage vom Anfang: Willst du die exakte oder die ehrliche Antwort?

Die exakte Antwort kann ich dir ausrechnen. Die ehrliche Antwort ist, dass die Rechnung allein noch keine gute Altersvorsorge macht. Entscheidend ist, daraus einen Plan zu bauen, der heute zu deinem Leben passt – und mit dem du tatsächlich anfängst.

Altersvorsorge einmal vernünftig druchrechnen?

Wenn du wissen möchtest, wo du aktuell stehst, welche Versorgung schon vorhanden ist und was für deine Ziele realistisch wäre, schauen wir uns das gemeinsam an.

Keine Lust auf den Papierkram? Rausch regelt.

Quellen & weiterführende Informationen

Deutsche Rentenversicherung: Die Renteninformation – mehr wissen – Erläuterungen zu Renteninformation, Bruttorente, möglichen Abzügen und Kaufkraft zukünftiger Renten.

Statistisches Bundesamt (Destatis): Verbraucherpreisindex und Inflationsrate – Daten und Erläuterungen zur Preisentwicklung und zur Messung der Inflation in Deutschland.

Verbraucherzentrale: Altersvorsorge: Welche Möglichkeiten gibt es? – Einordnung von gesetzlicher Rente, privater Vorsorge, Versorgungslücke und verschiedenen Vorsorgewegen.

Verbraucherzentrale: Die gesetzliche Rente verstehen – verständliche Einordnung von Renteninformation, Rentenlücke und gesetzlicher Rente als Basis der Altersvorsorge.